"Wir sind Opfer unseres eigenen Erfolgs", mit diesem Satz ließ DRG Präsidentin Prof. Dr. Christiane Kuhl den Saal aufhorchen. Denn er trifft den Kern. Radiologie ist das Fundament jeder modernen medizinischen Entscheidung. Keine Therapie ohne solide Diagnose, keine solide Diagnose ohne Bildgebung.
Und trotzdem kämpft das Fach ums öffentliche Ansehen. Ein Paradoxon, das das DRG-Zukunftsprojekt Radiology 2035 ins Zentrum rückt. Das Fach ist gleichzeitig unverzichtbar und fühlt sich dennoch bedroht. Überlastung, Patientenferne, ökonomischer Druck, Identitätskrise, alles Folgen desselben Erfolgs.
Image-Problem zunehmend verschärft
"Wir sind Opfer unseres eigenen Erfolgs", so Univ.-Prof. Dr. med. Christiane Kuhl, Präsidentin der Deutschen Röntgengesellschaft und Direktorin der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Aachen.Claudia Tschabuschnig
Dabei ist das Image-Problem nicht nur gefühlt. Außenbild: technikverliebte, patientenferne Branche, geldorientiert, reine Dienstleister. Kuhl sagt, dieses Bild werde teilweise aktiv von anderen gepflegt, um die Radiologie zu marginalisieren, ihre Bedeutung kleinzureden, Sparmaßnahmen zu legitimieren.
Früher gab es in der Praxis noch Zeit, mit Patient:innen zu reden. Das ist durch die schiere Fallzahl kaum noch möglich. Das Hamsterrad dreht sich schneller und erzeugt dabei genau das Image, gegen das das Fach ankämpft.
KI als notwendige Infrastruktur
"Ohne KI schaffen wir unsere Arbeit nicht mehr", sagt Univ.-Prof. Dr. med. Thorsten Bley, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Würzburg.Claudia Tschabuschnig
Sein Beispiel: Ein Polytrauma-CT im Schockraum erzeugt in Sekunden 4.000 bis 5.000 Einzelbilder. Kein Mensch kann das in Echtzeit auswerten. KI zeigt, wo man hinschauen muss, sie beschleunigt, aber ersetzt nicht.
Der Bedarf an Versorgung wird durch KI nicht kleiner, er wird größer. Die eigentliche Kernkompetenz der Zukunft liegt demnach nicht im Erzeugen von Daten, sondern in deren Kuratierung, und in der Übersetzung in klinische Entscheidungen. KI-Kompetenz wird zur Lehraufgabe. Radiolog:innen müssen lernen, KI richtig einzuschätzen, zu steuern und zu hinterfragen.
In der Diskussion klang KI weniger wie ein optionales Innovationsprojekt als wie eine notwendige Infrastruktur. "KI ist mein Instrument und mein williger Diener", so ein Zitat aus der Mitgliederbefragung.
Sternenhimmel statt Nordstern
13.000 Mitglieder wurden von der DRG befragt, 98 ausführliche Rückmeldungen. Mehrere Durchbruchsfelder wurden definiert: neue Versorgungsmodelle, KI-getriebene Medizin, medizinisch-technische Innovation, Ausbildung und Berufsprofil, gesundheitspolitische Position. Zeithorizont: 10 bis 20 Jahre. Der Umsetzungsplan kommt im nächsten Schritt.
Methodisch ist das Zukunftsprojekt aufwendig: 50 Trends identifiziert, 7 Szenarien entwickelt, 130 Handlungsoptionen auf 20 verdichtet, nach dem Hoshin-Kanri-Prinzip strukturiert. Ein einziger Nordstern ließ sich nicht formulieren, die Zukunft ist, wie Bley sagte, "noch nie da gewesen." Drei Hauptkomplexe: medizinische Entscheidungen steuern, Innovation treiben, dem Patienten dienen.
Filetierung von außen
Die eigentliche Bedrohung ist nicht KI, sondern die schleichende Übernahme radiologischer Tätigkeiten durch andere Fachrichtungen, so der Tenor. Andere Fachrichtungen, etwa Kardiologie oder Orthopädie im Versorgungspfad – ziehen radiologische Leistungen zunehmend in ihre eigenen Strukturen oder Abläufe.
"Wenn uns die Geräte nicht gehören, sitzen wir nicht mehr am Tisch", brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt. Wer die Geräte besitzt, muss kein Radiologe sein. Das ist die eigentliche Machtfrage.
Radiologie droht zur neuen Labormedizin zu werden, reiner Zulieferer, ohne strategischen Einfluss, ohne Stimme. "Wir werden von der Bildfläche verschwinden", beschrieb Kuhl dieses Szenario als Konsequenz eines reduzierten Dienstleisterbildes.
Daten als politisches Kapital
Hier öffnet sich eine Debatte, die weit über klassische Radiologie hinausgeht. Es geht um Plattform-Macht, Workflow-Kontrolle, KI-Training, Ownership. Und um die Frage, wer am Ende die Datenhoheit beansprucht, eine Disziplin wie die Radiologie, oder die Organisationen dahinter: Klinikkonzerne, Krankenkassen, Tech-Plattformen.
"Die Radiologie bleibt nur dann systemrelevant, wenn sie Daten nicht mehr nur erzeugt, sondern in klinisch relevante Entscheidungen übersetzt", war eines der stärksten Zitate der gesamten Mitgliederbefragung. Datenqualität wird zum Engpass, nicht Datenmenge. Und die Fähigkeit zur Datenkuratierung wird zur Kernkompetenz des Fachs. Das ist, im Kern, eine Big-Tech-Debatte, mitten in der Medizin.
Ein weiteres Zitat aus der Befragung brachte es noch schärfer: Es sei unrealistisch, die Datenhoheit bei einer einzelnen klinischen Disziplin zu verorten. Am Ende würden Organisationen diese Hoheit beanspruchen.
Die Konsequenz: Radiologie müsse nicht Eigentümerin der Daten sein, sie müsse die unverzichtbare Expertise für den Umgang damit liefern. "Bilder alleine werden die Radiologie nicht zur Schaltzentrale der Patientensteuerung machen." Erst die Verknüpfung mit klinischen und paraklinischen Befunden verleihe den Bildern ihre eigentliche Macht.
Bedürfnis vs. Bedarf
Einer der kontroversesten Gedanken des Nachmittags kam von Kuhl selbst: Ein großer Teil der Bildgebung entstehe nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern aus dem Bedürfnis der Patienten nach Sicherheit. "Herr Schmitz, ich kann mir vorstellen, dass das Knie wehtut", ihr pointiertes Beispiel für Bestätigungsdiagnostik ohne therapeutische Konsequenz.
Das Ziel des Projekts ist klar: weg von bedürfnisorientierter, hin zu bedarfsorientierter Allokation. Das Hamsterrad einfach schneller zu drehen, mehr Fälle, mehr KI, mehr Effizienz, ist keine Antwort. Teile dieser Bildgebung könnten, so der Vorschlag, aus dem GKV-System herausgelöst werden. Ein struktureller Schritt, kein technischer.
Nicht nur Bilder machen, sondern Therapieentscheidungen
Hier wurde es lebendig. Eine Stimme aus der Niederlassung fragte unverblümt: "Was nützt mir eine KI, wenn ich damit noch mehr für noch weniger Geld arbeiten soll?" Und weiter: "Wir untersuchen doch jetzt schon so viel Mist in der Niederlassung, das wird dann einfach noch mehr." Effizienzsteigerungen, so die Sorge, würden sofort politisch vereinnahmt, nicht als Entlastung, sondern als Argument für weitere Kürzungen.
Kuhl stimmte zu. Genau deshalb gehe es im Zukunftsprojekt darum, aus der Spirale herauszukommen. Grundsätzlich. Strukturell. Und das sei, ja, schwieriger, aber realistischer als endlos weiterzumachen wie bisher.
Ein anderer Teilnehmer stellte die Qualitätsfrage anders: Zertifizierungen und Nachweise seien gut und richtig, aber sie schützten nicht vor Übernahme, wenn die Geldflüsse woandershin gelenkt werden. "Berufspolitik ist viel wichtiger als immer wieder auf uns selbst zu schauen."
"Wir machen keine Bilder. Wir machen Therapieentscheidungen." Das ist die Kernthese des Zukunftsprojekts. Radiologie soll nicht mehr am Ende des Versorgungspfads stehen, sondern am Anfang. Radiologen als neutrale, unparteiische Lotsen, die nicht von Selbstzuweisung leben, sondern durch Kompetenz und Unabhängigkeit überzeugen.
Klinische Eigenständigkeit des Fachs
Frühe radiologische Abklärung könnte Patienten direkt zum richtigen Spezialisten führen, schneller, günstiger, präziser. Der übliche Umweg über Hausarzt, Orthopäde, Radiologe, zurück zum Orthopäden, er kostet Monate, Ressourcen und Nerven.
Dazu kommt: Radiologie ist auch Therapie. Die interventionelle Radiologie ist längst kein Randthema mehr, sondern zentrales Argument für die klinische Eigenständigkeit des Fachs. Eigene Ambulanzen, Bettenkapazitäten, direkter Patientenkontakt, ein klares Statement aus der Mitgliederbefragung.
Und als historischer Anker: Wilhelm Conrad Röntgen und das Bild von Anna Berthas Hand. Vier Wochen nach der Entdeckung bereits eine messbare Verbesserung der Bildqualität, Innovation war immer die DNA dieses Fachs.
"Wir müssen so gut werden, dass die anderen uns was fragen, und nicht nur ein Bild von uns wollen", so Bley.
Ausbildung: Baustellen überall
Die Ausbildungsfrage zog sich durch mehrere Wortmeldungen. Flächendeckende Qualifizierung, nicht nur an Uni-Kliniken. Ausbilder, die selbst zu guten Lehrern ausgebildet werden. Strukturierte Weiterbildung, die auch in der Niederlassung funktioniert, gerade auf dem Land, wo Stellen rar und Strukturen unklar sind.
Für MTR-Fortbildung gibt es bislang kein standardisiertes Messinstrument. Das müsse erst gebaut werden. Outcome-Studien als Qualitätsnachweis, wichtig, aber schwer, weil zwischen radiologischer Arbeit und Patientenoutcome zu viele Variablen liegen: Chirurgen, Internisten, Therapiepläne. "Wir müssen überzeugende Prüfgrößen finden, jenseits von diagnostischer Genauigkeit", so Kuhl. Daran werde gerade gearbeitet.
Sichtbarkeit als Überlebensstrategie
Den vielleicht stärksten Appell des Abends brachte eine Kollegin aus Bonn: Höchste Qualität nützt nichts, wenn der Radiologe hinter dem Monitor versteckt bleibt. Tumorkonferenzen, Kammergremien, Leitlinienkommissionen, politische Ämter, Zulassungsprüfungen für ausländische Ärzte, überall braucht es Präsenz.
Berufspolitik ist kein Luxus, sondern Pflicht, so Kuhl. Effizienzgewinne durch KI werden sofort politisch gegen das Fach verwendet. Qualitätsoffensiven schützen nicht vor Übernahme, wenn die Geldflüsse woandershin gelenkt werden.
"Wir können unsere Zukunft gestalten, aber nur, wenn wir aufhören, sie anderen zu überlassen."
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