LEIPZIG -- Lungenkrebs tötet mehr Europäer als jede andere Krebserkrankung. Nicht weil er nicht behandelbar wäre, sondern weil er fast immer zu spät erkannt wird.
Beim RöKo 2026 in Leipzig zog eine Highlight-Sitzung zur interdisziplinären Früherkennung Bilanz: Wo steht Deutschland sechs Wochen nach dem Start seines nationalen Niedrigdosis-CT-Screeningprogramms -- und was funktioniert noch nicht?
Frühstadiumbefunde sind nicht immer eindeutig, multidisziplinäres Urteilsvermögen ist keine Formalität." machte die Knötchenkonferenz am Ende der Highlight-Sitzung „Wir gegen Lungenkrebs", RöKo 2026, Leipzig, deutlich.Claudia Tschabuschnig
Der formale Start war der 1. April 2026, als das LDCT-Screening zur gesetzlichen Kassenleistung wurde. Generell richtet sich das Programm an Erwachsene zwischen 50 und 75 Jahren mit einer relevanten Rauchgeschichte -- mindestens 20 Packungsjahre, aktuelle Raucher oder Personen, die innerhalb der letzten zehn Jahre aufgehört haben. Der Erstbefund wird mit 49,56 Euro vergütet, der spezialisierte Zweitbefund in einem zertifizierten Lungenkrebszentrum mit 95,04 Euro.
Kurz nach Programmstart klaffte die Lücke zwischen Politik und Praxis auf. Die Krankenkassen verweigerten die Erstattung der digitalen Plattforminfrastruktur, die für die Verwaltung von Doppelbefundungs-Workflows erforderlich ist. „Die Krankenkassen haben gesagt: Eine solche Plattform ist in den Richtlinien nicht vorgesehen, und was nicht vorgesehen ist, wird nicht bezahlt", sagte Markus Henkel, Geschäftsführer und Justiziar des BDR, in einer früheren Sitzung.
„Der 1. April war ein virtueller Starttermin", so Dr. Jörg Barkhausen vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Einige administrative Schritte, so Barkhausen, bräuchten noch Zeit.
Die Evidenz hält
Lungenkrebs bleibt Deutschlands tödlichste Krebserkrankung mit rund 45.000 Todesfällen jährlich. Nur etwa 15 Prozent der Fälle werden im Stadium I erkannt. Mehr als die Hälfte wird erst im Stadium IV diagnostiziert, wenn die Behandlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind.
Die deutsche HANSE-Studie, im November 2025 in Lancet Oncology veröffentlicht, untersuchte mehr als 5.000 Teilnehmer zweimal mit Niedrigdosis-CT. Von 111 in rund 10.000 Untersuchungen entdeckten Karzinomen befanden sich 85 -- mehr als drei Viertel -- im Stadium I oder II. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate im Frühstadium liegt bei über 70 Prozent. Im Stadium IVb leben nach fünf Jahren noch sieben Prozent der Patienten.
Dr. Torsten Bauer von der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin begegnete der Skepsis direkt. Ein Newsletter des Bundesverbands der Pneumologen hatte nahegelegt, randomisierte Studien zeigten keinen eindeutigen Vorteil beim Gesamtüberleben. Bauer widersprach und präsentierte metaanalysierte Daten, die eine konsistente Reduktion der lungenkrebsspezifischen Sterblichkeit belegen. Die Gesamtmortalität bewege sich langsamer, räumte er ein.
Was nach der Überweisung passiert
Jede Untersuchung erfordert einen Erst- und einen Zweitbefund, der Zweitbefund zwingend in einem zertifizierten Lungenkrebszentrum. Befunde ab Lung-RADS 3 lösen den Zweitbefundungs-Workflow aus. Diskordante Befunde führen zu einer Knötchenkonferenz. Zertifizierte Zentren können nicht einfach abrechnen, ohne zuvor eine Ermächtigung zu beantragen -- ein Prozess, der über die regionalen Zulassungsausschüsse läuft.
Sieben Jahre Arbeit in Radiologie, Pneumologie und Thoraxchirurgie führten Deutschland zum 1. April. Prof. Dr. Johannes Wessling vom Universitätsklinikum Münster stellte die Münsterland-Initiative vor: eine regionale Plattform, die zuweisende Ärzte, Erstbefunder und Lungenkrebszentren in einer digitalen Infrastruktur verbindet -- automatisierte Screening-IDs, digitale Einwilligung, Echtzeit-Dashboards, direkte Terminbuchung.
Seine Präsentation enthielt die klarste strukturelle Warnung der Sitzung: Digitale Lücken und papierbasierte Übergaben verlangsamen den Prozess nicht nur. Sie kosten Teilnehmer. Und verlorene Teilnehmer bedeuten unentdeckte Karzinome. „Wir verlieren Teilnehmer an jeder Schnittstelle", sagte Wessling.
Das Münsterland-Modell deckt 1,6 Millionen Einwohner ab, mit einer Zielpopulation von rund 105.000 berechtigten Personen. Bei realistischen Teilnahmequoten schätzte Wessling maximal rund 42 CT-Screenings pro Tag für die beteiligten Zentren -- ein handhabbares Volumen, aber nur wenn die Logistik stimmt.
Regionale Kooperationsmodelle wie dieses entstehen zunehmend als praktische Antwort auf die Infrastrukturlücke. Der Landesverband der Radiologen in Bremen koordiniert drei Lungenzentren mit allen regionalen Radiologen -- eine Struktur, die Prof. Dr. Hermann Helmberger, BDR-Präsident, beim RöKo Digital als übertragbares Modell hervorhob.
KI ist Pflicht, Qualität nicht
KI-gestützte Software zur Nodulendetektion ist in diesem Programm nicht optional - sie ist vorgeschrieben. Ungeklärt bleibt die Qualität. Das CE-Kennzeichen, wie Barkhausen betonte, ist ein Marktzulassungszeichen, keine Qualitätsgarantie. Zertifizierte Systeme können sich in dem, was sie erkennen, deutlich unterscheiden. Standardisierte Leistungskriterien für screening-spezifische KI existieren noch nicht.
Das Interoperabilitätsproblem verschärft dies. Solange RIS-Anbieter keine geeigneten digitalen Überweisungs-Workflows implementieren, riskieren Praxen, Patientenübergaben manuell zu verwalten -- zwischen Erst- und Zweitbefundern, die unterschiedliche Systeme nutzen, einschließlich KI-Tools verschiedener Anbieter, die möglicherweise Voraufnahmen aus anderen Protokollen nicht verarbeiten können.
Die Perspektive der Chirurgie
Dr. Katrin Welcker vom Helios Klinikum Mönchengladbach rückte die klinischen Anforderungen in den Fokus. Kleine und zentral gelegene Tumoren erfordern eine enge radiologisch-chirurgische Abstimmung -- CT-gestützte Markierung vor der Resektion, robotergestützte Verfahren wo nötig.
Die am Ende der Sitzung präsentierten Knötchenkonferenz-Fälle machten die Realität deutlich: Frühstadiumbefunde sind nicht immer eindeutig, und multidisziplinäres Urteilsvermögen ist keine Formalität.
Die vollständige RöKo-2026-Berichterstattung finden Sie hier.


















